frühlingsgefühle





»Fritz?«
»Was ist?«
»Ich habe es getan.«
»Was genau?«





»Ich habe Balsigers Frau informiert.«
»Über die Freundin?«
»Ich habe ihr einen Zettel in die Handtasche gesteckt.«
»Mein lieber Sven Blum, dieser Balsiger war nichts als ein armseliger Hochstapler; seine Bettgeschichten reine Angeberei, im Grunde ist er ein armes Hündchen und komplett abhängig von seiner Frau.«
»Er betonte mehrmals, er sage die reine Wahrheit und ich bin wirklich nicht die Wahrheitskommission. Er hat genervt und seine Alte ist genauso versaut. Hast du gesehen wie sie ihre Tasche auf mein Bett gestellt hat? Das letzte Stück Privatsphäre, das in diesem Spitalbunker bleibt, sie tat, als wäre ich Luft, ein Geist. So eine eiskalte Botoxhexe. Da erlaubte ich mir – nach fundierter Überlegung –, ihr zu schreiben, dass ihr werter Götterarsch die beste Freundin besteigt. Nennt sich Infotainment.«
»Sven bitte, ohne stichhaltige Beweise, so etwas gehört sich nicht. Du zerstörst eine Ehe. Keine besonders glück­liche, trotzdem leben die beiden seit Jahr und Tag unter einem Dach!«, belehrte mich Fritz und bedachte mich mit einem strengen Blick. Das sei ein Witz gewesen, erwiderte ich und spielte ethische Zerknirschung.
Er sagte nichts, aber bezweifelte spürbar meine Aufrichtigkeit. (Was grundsätzlich korrekt war, denn ich hatte ihr tatsächlich ein feines Bömbchen ins Täschchen gejubelt.) Fritz zweifelte, obwohl mich keine zitternde Stimme verriet, kein leeres Schlucken, dazu war ich zu geschmeidig im sachdienlichen Umgang mit den Tatsachen. Nein, der alte Fritz war aus anderem Holz, er zweifelte, weil er ein klassischer Spürhund war, der Polizist in ihm hatte sich tief in seinen Charakter eingegraben, sozusagen seine Person übernommen. Er war einer der alten Schule; dauernd am Schnüffeln, immer misstrauisch, bettlägerig noch schlimmer als in seinem sonstigen Rentnerdasein. Das machte ihn sympathisch. Hätte ich mir einen besseren Zimmergenossen wünschen können? Wohl kaum, nein, keinesfalls.
Drei Tage lag der pferdegesichtige Balsiger in unserem Reich, widernatürlich gebräunt und seinen Aussagen nach zu Geld gekommen. Warum er in der Allgemeinen und nicht in der Privat lag, konnte Pferdchen allerdings nicht erklären. Versicherungen seien die Domäne seiner Frau, er strotze vor Gesundheit, daher kein Anlass, sich damit zu beschäftigen. Den Meniskus hatte er sich beim Golfen gerissen (bestätigt bei der Arztvisite). Der linke Schuh hätte sich beim Abschlag unglücklich verhakt. In der Folge drehte sich anstelle des Fusses das Knie um neunzig Grad, weswegen er rückwärts den Hang hinunter in den Bunker gestürzt sei. (Die Sandkästen auf dem Green, wie er uns belehrte.) Eine Passantin, die auf seine Hilfeschreie aufmerksam geworden sei, hätte die Sanität alarmiert, worauf unser Balsiger von gelbroten Sanitätern in den Heli geschoben und bald darauf bei uns in der Orthopädie zwischengelagert wurde.
Die Stationsleiterin wollte sich einen Überblick über die Neueingänge verschaffen, hatte leider ihre Brille vergessen, war dadurch halbblind, es dauerte, die Betten stauten sich im Flur, sie wurde gereizt und kommandierte energisch das Hilfspersonal herum. Chaotisches Bettgeschiebe, genervte Ausrufe und geknurrte Verwünschungen waren die Folge. Ein bärtiger Serbe, Modell Kraftraum plus Kriegstrauma, riss Balsigers Bettchen so zackig herum, dass er vor Schmerzen aufjaulte. Ich weiss es, ich befand mich im selben Stau, wurde aber von einer niedlichen Krankenschwester elegant und sanft vor Zimmer 518 geschoben. Sie öffnete die Tür bis zur Blockierung, um mich erschütterungsfrei und wohlbehalten an das vorgesehene Ziel zu eskortierten. Exakt in diesem Moment knallte der mutmassliche Serbe Balsiger Bett in meines. Ich drehte Pirouetten über den Gang, bis sich mein Bettgestell mit einem Tablettwagen verkeilte (als ob der verdammte Velounfall nicht gereicht hätte). So wurde Balsiger vor mir ins Zimmer gescho­ben, an den Fensterplatz, der nachmittags von der Sonne beschienen wurde. Folglich wurde ich auf der anderen Seite geparkt, die einen schattigen Ausblick auf den Rohbau eines Hochhauses bot.
Die diensthabende Ärztin redete mit Pferdchen gerne und ausführlich über Golfverletzungen im Allgemeinen und Meniskusverletzungen im Besonderen. Er polierte sein Ego mit der Zeit, die sie für ihn verwendete, anstatt sich um Fritz und mich zu kümmern. Diese Ärztin schien sein sonst schon ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis ins Unermessliche zu steigern: Das weibliche Wesen, belehrte er uns anschliessend, suche eben naturgemäss den vorzüglichsten Hengst im Stall (dazu lachte er tatsächlich wie ein wieherndes Pferd). Die Nachricht an seine Frau war daher schlicht eine Massnahme ausgleichender Gerechtigkeit. Karma im Schnellverfahren, die Zeit hat es eilig.

»Fritz.«
»Ja.«
»Es ist so ruhig.«
»Soll ich das Fenster öffnen, Sven?«
»Gute Idee, Fritz. Aber frag mich nicht, wenn du das Fenster öffnen willst. Tu es einfach.«
»Bald kannst du an Krücken gehen, dann hätte ich dich nicht mehr gefragt. Aber so wehrlos und unschuldig wie du jetzt im Bett liegst …«
»Ich könnte auf den Rollstuhl verzichten, das Bein ist abgeschwollen. Und wehrlos bin ich nicht, wie du vielleicht bemerkt hast.«
»Du meinst, ob ich bemerkt habe, wie du ihr den Zettel gesteckt hast?«
Er hatte (unterschätze nie deinen Ermittler!) also nur gewartet, bis ich mich selber verplapperte. Für gewöhnlich hätte ich, um die Situation zu meinem Vorteil zu wenden, ihn wortreich zugetextet, ich hätte den dramatischen inneren Konflikt dargelegt, der mich schliesslich veranlasste, aus moralischen Gründen das bereits beschriebene Papier doch nicht in der Tasche zu verstecken, obwohl die Möglichkeit zweifelsfrei vorhanden gewesen wäre. Ich hätte ihm Umstände, Gedanken und Absichten so lange so realistisch geschildert, bis mir mein Gerede selber überzeugender erschienen wäre als die schnöde Wahrheit. Ich tat es nicht. Ich schwieg. In einem Vierbettzimmer, eng, steril und unpersönlich, blieben Lügen hängen wie ungebetene Gäste, die sich weigerten zu gehen. Wir waren Patienten, er mit einem seltenen Infekt an den Gelenken, ich mit Unfall. Wir brauchten einander.

Die Visite stürmte in V-Formation in unser Zimmer. Sieben Personen drängten sich um mein Bett, ein Assistenzarzt schloss das Fenster, damit die Verkündigungen des Chefarztes nicht durch zwitschernde Vögel gestört wurden.
»Sven Blum«, der Chefarzt linste er über das Glas seiner randlosen Brille. »Velounfall. Guten Tag, wie geht es uns?«
»Den Umständen entsprechend.«
»Die Schwellungen am Fuss klingen allmählich ab. Morgen werden Sie untersucht, ob tatsächlich nichts gebro­chen ist. Auch ohne sichtbaren Bruch kann es Absplitterungen am Gelenkkopf geben, diese lassen sich aber erst nach der Abschwellung diagnostizieren.« Das weitere Vorgehen erklärte er den umstehenden Ärzten, die mich kühl berechnend taxierten. »Keine Verletzungen an Schädel und Wirbeln. Bei der Schwere des Sturzes nicht selbstverständlich. Sie haben Glück, dass Sie so kräftig gebaut sind, Herr Blum. Mit den gebrochenen Rippen werden Sie fertig, ebenso mit den Zerrungen der rechten Schulter und dem angerissenen Kreuzband. Das eine lässt sich therapeutisch behandeln, das andere mit einer minimal-invasiven arthroskopischen Kreuzbandoperation. Die wird inzwischen äusserst sicher und komplikationsfrei durchge­führt. Was mir noch Sorgen bereitet, sind innere Organverletzungen, gut möglich bei der Heftigkeit des Aufpralls. Wir behalten Sie bis auf weiteres hier. Morgen beginnen Sie mit der Physiotherapie für das Schultergelenk. Ich wünsche einen schönen Tag, Herr Blum.«

Mein Vorderreifen war in einer Tramschiene steckengeblieben. Hätte der Fahrer des entgegenkommenden Trams nicht geistesgegenwärtig gebremst, wäre ich zermalmt worden. Es war der Tag, an dem ich achtund­zwanzig Jahre alt wurde, mein Geburtstag. Für einen Vorfall dieser Dimension hätte ich Vorzei­chen erwartet. Aber da war nichts: An jenem Morgen erwachte ich vor meinem Wecker. Ich verschränkte die Hände hinter dem Kopf und hörte die Vögel, den allmählich anschwellenden Morgenverkehr; eine vertraute Geräuschkulisse, die mir öfters auf die Nerven ging, die ich aber seltsamerweise sofort vermisste, wenn ich in einer abgelegenen Berghütte übernachtete. Ich träumte von Oksana, wie jeden Tag, seit sie mich verlassen hatte. Zwei Nachrichten erschienen zeitgleich auf dem Handy: Meine Mutter gratulierte zum Geburtstag, ebenso meine bizarren eineiigen Zwillingstanten, die ein Geschäft für Zwillingsmode führten. »Happy Birthday, Sven.« Bald würde die Sonne aufgehen, die Erde drehte sich, ein Apriltag mit Schauern und sonnigen Abschnitten war angesagt. Aufstehen, Bad, Frühstück, im Flur zog ich eine Jacke an, zögerte kurz und setzte schliesslich doch den Helm auf, obwohl er die Haare plättet. Im Keller stand mein brandneues Rennrad in einem Gewühl von Rädern und Kinderwagen. Alles wie immer.
Die Quartierstrasse führte in grossen Kurven den Berg hinab und mündete am Fuss in einem weiten, übersichtlichen Bogen in die Hauptstrasse. Ich holte routiniert auf die Gegen­fahrbahn aus, um die Kurve möglichst nahe am Randstein vorbei zu schneiden, wobei sich ein kleiner Fahrfehler eingeschlichen haben musste, der mich zu weit in die Hauptstrasse hinaustrieb. Mein Bewusstseinszustand veränderte sich augenblicklich, als ich das Eisen der Tramschienen unerbittlich auf mich zukommen sah. Wie in Zeitlupe fühlte ich den rutschenden Reifen, ich sah, wie er über den erhöhten Teil der Schiene glitt, um sich gleich darauf in der Spurrinne zu verklemmen. Ein Schlag in die Handgelenke, die Finger lösten sich vom Lenker, ich nahm jeden einzelnen war – auch den kleinen. Es war beinahe schön, ich fühlte mich leicht wie Luft. Ein letztes Bild der tief unter mir liegenden, im Licht glänzenden Schienen brannte sich ins Gedächtnis. Es gab keine Vorzeichen, es war bloss eine Abweichung von der Ideallinie.
»Ich habe nachgedacht«, sagte ich.
»Das freut mich«, entgegnete Fritz.
»Ich frage mich, ob es Zufall oder Schicksal ist, dass wir beide hier im selben Raum liegen.«
»Weisst du«, erwiderte er nach einer Pause, »mein Leben lang habe ich Kriminelle gejagt, manche habe ich hinter Gitter gebracht, viele sind davongekommen. War es Zufall oder Schicksal? Ein Mann hatte seine Frau erschlagen, ich habe ein Geständnis. Er wird aufgrund von Verfahrensfehlern freigelassen …«
»Du glaubst also an den Zufall?«
»So kann ich das nicht bejahen.«
»Aber an das Schicksal glaubst du auch nicht?«
»Das Schicksal scheint mir eine Notlösung zu sein.«
»Es ist kompliziert,«
»Das denke ich auch.«
»Mein Bruder Robert kommt morgen auf Besuch.«

Essen wurde geliefert. Schwester Annabelle half mir in den Rollstuhl, ich sackte stöhnend vor Schmerzen zusammen. Professionell freundlich schob sie mich an den Tisch, sie fuhr mir über die Haare, ich verliebte mich sogleich (was hätte ich sonst tun sollen?). Es gab Schnitzel an einer Pilzrahmsauce, dazu Fenchel mit Karotten. Fritz, abgebrüht durch die harte Schule der kantonalen Polizeikantinen, fand das Spitalfutter grossartig. Er blickte mich fragend an. Ich liess mir Zeit, wischte mir den Mund mit der Serviette ab, faltete sie, legte ich sie sorgfältig auf die rechte Seite, exakt dorthin, wo das Messer gelegen hatte. Ich tat, als horche ich in mich hinein, mit einem tiefen, seufzenden Atemzug sagte ich, für eine Spitalküche vielleicht in Ordnung, jedoch unter dem Niveau für eine Beurteilung durch Sternekoch Sven Blum. Fritz betrachtete mich zuversichtlich, etwa so wie ein Verhörpolizist den Tatverdächtigen nach einem Teilgeständnis betrachtet hatte.
»Das ist alles?«
Ich bekam einen Lachanfall, der die Rippen aneinander kratzen liess. Eine beissende Woge feurigen Schmerzes folgte. Tödlich.
»Soll ich Schwester Annabelle rufen?«
Ich stöhnte und verneinte leise.
»Sie wäre nach deinem Geschmack, oder täusche ich mich?«
»Ich befinde mich in einem schwer vermittelbaren Zustand.«
»Eine weitere Gemeinsamkeit …«
»Hast du eigentlich eine Frau, Fritz?«
»Sie ist vor zehn Jahren gestorben.«
»Oh, das tut mir leid.«
Wir assen schweigend und schauten die Nachrichten. Beim anschliessenden Fussballspiel entpuppte sich Fritz als sprachbegabter Unterhalter, der die linkischen Ansagen des Moderators mit hinterhältigen und skurrilen Ergänzungen ins Lächerliche zog. Ich musste mich tatsächlich anstrengen, um mit dem geistreichen Alten mitzuhalten. »Wenn alle Polizisten so lustig wären, ich liesse mich augen­blicklich umschulen!», japste ich nach einem mühsam unterdrückten Lachanfall. Die ausgemusterte Staatsmacht im Bett schräg gegenüber wurde unvermittelt ernst, stellte das Kopfteil steiler, nahm, soweit das im Bett liegend möglich war, eine dienstliche Haltung an und sprach: »Die guten Zeiten sind vorbei, Sven, schon lange vorbei. Heute sitzt du nur vor dem Bildschirm und protokollierst, was du getan hast, selbst das, was du nicht getan hast. Der Polizei hocken Anwälte und Medien wie die Geier im Nacken. Der Druck bleibt an denen hängen, die sowieso die ganze Arbeit erledigen, an den einfachen Polizisten. Der einfache Polizist, mein Freund, ist vom Jäger zum Gejagten geworden! In den guten Zeiten regelten wir den Fall in einem erweiterten Gespräch mit dem Verdächtigen. Hart, aber meistens fair. Eine zufriedenstellende Lösung für beide Seiten. Ohne Protokoll.«
Fred Feuerstein schob vor meinem inneren Auge einen Felsen durch die Steinzeit, mir war zum Lachen, mimte jedoch artig Interesse, er fuhr weiter: »Das waren Verhöre, die den Namen Verhöre verdienten. Ich war Kantonspolizist, meist im Unterland tätig. Vorwiegend kleinere Delikten, Schmuggel, Diebstahl – was eben die Grenznähe mit sich brachte. Zu meiner Zeit waren die Verhältnisse klar: Wer kriminell war, wusste es, und dass wir Polizisten die Guten waren, wurde nicht angezweifelt. Das hat sich zwischenzeitlich gründlich geändert. Ein Beispiel, mein Freund: Du erwischst einen bei der Tat, in flagranti, das Diebesgut hält er in der Hand, er streitet alles ab, er beschuldigt dich wegen unerlaubter Annäherung, oder was ihm sonst gerade in den Sinn kommt. Oder er attackiert dich. Zu meiner Zeit jammerte ein Krimineller drauflos, verwarf die Hände, er hätte fünf Kinder und nichts zu futtern … Jedenfalls regelten wir Bagatelldelikte ohne den ganzen Apparat.«
Fred Feuerstein huschte wieder in meinem Kopf herum, ich liess mir nichts anmerken, schwieg und nickte verzeihend wie ein Kurienkardinal. Trotz meines mitfühlenden Auftritts verstummte Fritz plötzlich, nahm umständlich einen Zahnstocher und kratzte in seinem Gebiss. Um ihn wieder zum Reden zu bringen, meinte ich, dass Verbrecher heutzutage in der Regierung und in den Konzernen sitzen und einen auf dicke Hose machen.
»Da hat die Polizei keinen Zugriff … Ausser es wird juristisch eng, dann wird ein Mitarbeiter geopfert, der als durchtriebener Einzeltäter vorgeführt wird. Die wirklichen Drahtzieher sind zu gut vernetzt, an die kommt keiner ran. So sehe ich das, so ist es auch.« Er klaubte eine Tablette aus der Packung, hielt sie kurz in die Luft und schluckte sie ohne Wasser. Es sei Zeit für Träume. Ich wünschte ihm einen gesegneten Schlaf, er quittierte mit einem Nicken, bald entfaltete das Medikament seine Wirkung, er schnarchte gemütlich vor sich hin. Ein guter Mann, dachte ich, etwas aus der Zeit gefallen, aber einer, auf den man sich verlassen konnte. Um Mitternacht erhielt ich eine Nachricht meiner Personalchefin: Sie wünschte mir gute Besserung, die Direktoren würden meine Küche bereits vermissen. Ich schrieb zurück, dass ich morgen mit Physiotherapie begänne.
Vor gut einem Jahr hatte ich als Küchenchef in der Direktionskantine der Königlichen Bank Helvetia (KBH) zu arbeiten begonnen. Edle Küche für edle Herren, Damen gab es kaum, sozusagen Beilage, dafür waren die Arbeitszeiten hervorragend: um sechs Uhr abends war Schluss. Trotz der besseren Bedingungen klagte Oksana über meinen Arbeitsort. In ihrer Vorstellung hatte ich die Seite gewechselt, hatte ich eine von ihr gezeichnete rote Linie überschritten: Wer bei KBH arbeitete, gehörte zum Feind. So einfach war das. Nach einem letzten Gespräch stellte ich Oksana schliesslich vor die Wahl, entweder meinen Beruf zu akzeptieren oder abzuhauen (seit da liege ich morgens wieder alleine im Bett). Fritz war diesbezüglich deutlich entspannter, er lobte meinen Ehrgeiz und schätzte meinen Unternehmergeist. Ich hatte ihm von der Kochlehre in Davos erzählt, von der coolen Zeit in Hamburg, in der Küche des ›Vier Jahreszeiten‹, wo ich sowohl für das mit achtzehn Gault-Milliau und zwei Michelin ausgezeichnete ›Hearlin‹ als auch für ein asiatisches Restaurant mit sechzehn Punkten arbeitete. Hier lernte ich die hohe Kunst des Kochens, alle Raffinessen, die es braucht, um aus wenigen Zutaten eine Sinfonie zu kreieren. Leider gab es zu der Zeit eine Zunahme an absonderlichen Unverträglichkeiten und Allergien, die plötzlich aus dem Nichts unsere illustre Kundschaft zu plagen schien. Wir mussten auf wirre Spezialwünsche Rücksicht nehmen, Kochen auf höchstem Niveau wurde praktisch verunmöglicht – denn was immer die Ärzte und Ernährungsberaterinnen den Damen und Herren diagnostizierten und empfahlen: Es wurde mit religiösem Eifer befolgt.
Eines schönen Tages hatte ich die brillante Idee, aus der Not ein Geschäft zu machen. Nach anfänglichem Unverständnis unterstützte mich der Chef, ich durfte mich zum Diätkoch ausbilden lassen. (Ein Diätkoch beherrscht die Küche der Leiden und Allergien die mit einer spezifischen Ernährung gelindert werden können – wenn man daran glaubt.) Kaum hatte ich mit Auszeichnung abgeschlossen, wurde ich von Walter Schürch, Verwaltungsratspräsidenten der Königlichen Bank Helvetia, Freund des Hoteldirektors und gern gesehener Gast, für die Leitung der Direktionskantine abgeworben – was für meinen Chef einer unfreundlichen Übernahme gleichkam. Als passionierter Marathonläufer gab Schürch etwas auf Ernährung. Daher gehörte es in der gesamten Bank bis hinunter zur Provinzfiliale zum guten Ton, eine Unverträglichkeit, eine Spezialdiät für die Triathlonvorbereitung oder zumindest eine schwach ausgeprägte Allergie vorweisen zu können. Schliesslich, so die interne Meinung, läuft ein hochgetunter Rennwagen nicht mit Öl aus der Fritteuse.

Im Fernseher lief ein Beitrag über die KBH, anscheinend wurde ein neuer Betrugsfall aufgedeckt. Der CEO, ein dürres Männchen namens Ferguson, erklärte dem Fernsehpublikum die zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen, die seit 2008 eingeführt wurden. Daher, fasste er gegen Ende des Interviews zusammen, sei der Betrug auf die kriminelle Energie einer Einzelperson oder einer kleinen Gruppe zurückzuführen. Es sei nahezu unmöglich, die diversen Sicherheitssysteme zu überlisten; es sei vielmehr davon auszugehen, dass es eine sehr kleine Anzahl Mitwisser und Helfer in verschiedenen Abteilungen gegeben habe.
Ferguson wird schon jemanden finden, dem er es in die Schuhe schieben kann, dachte ich und stellte Fernseher und Licht aus.
Eine Strassenlampe projizierte ein fröhliches Schattenspiel an die Zimmerdecke. Ich versuchte in den huschenden Schatten bekannte Formen zu finden. Mit etwas Geduld und Phantasie entdeckte ich einen hüpfenden Affen, krabbelnde Ameisen, eine tanzende Bratpfanne und jede Menge scharfe Krankenschwestern.

»Morgen Herr Blum, haben Sie gut geschlafen?«
»Eigentlich schlafe ich immer noch.«
»Oh.«
»Schon gut, Sie tun nur ihre Pflicht.«
»Halten Sie bitte den Arm nach oben.«
»Für Sie, Annabelle Liztke, tue ich alles«.
»Das freut mich.«
»Sie dürfen mir Sven sagen … wenn Sie möchten.«
»Wir haben die strikte Anweisung, Patienten nicht zu duzen.«
»Gib deinem Pferd nie einen Namen, du weisst nie, wann du es erschiessen musst«, murrte ich.
»Jetzt scheinen Sie wach zu sein«, erwiderte Annabelle und lächelte formvollendet in sich hinein, unergründlicher und geheimnisvoller als die Mona Lisa von Leonardo da Vinci. Geschmeidig wie eine Löwin bewegte sie sich zu Fritzens Bett, der tief in seinem chemischen Tiefschlaf gefangen war. Annabelle nahm seinen Puls, mass den Blutdruck, sie schrieb alles auf. Jede ihrer Bewegungen erregte mich, ihr Haar war eine Offenbarung der weiblichen Sinnlichkeit. An der Tür drehte sie sich um, schaute aus ihren rehbraunen Augen direkt in meine haselnussbraunen und flötete sachlich: »Um zehn Uhr haben Sie Physiotherapie. Ich werde Sie begleiten.«
Ich nickte stumm. Alles fügte sich wie von göttlicher Hand geführt zusammen. »Annabelle«, flüsterte ich, »Annabelle, du Löwin der Spitalzimmer, ich liebe dich!«
Als Fritz erwachte, hatte ich die Zeitung bereits zu Ende gelesen.
»Morgen Fritz.«
»Schon wach?«
»Ja klar, immer der Zeit voraus … Wie war die Verbrecherjagd, hast du im Schlaf einen Fall geklärt?«
Fritz schaute ein wenig benommen, er zweifelte eher an meinem als an seinem Verstand. Er schaute auf seine Uhr, daraufhin verzog er sich in die Toilette, die Strecke zur Tür schaffte er bereits ohne Stöcke. Die neuen Medikamente, die an ihm getestet wurden, wirkten sich erfreulich an seinen Gelenken aus. (Als Testperson für die Pharmaindustrie war er jedoch gut beraten, den Tag nicht vor dem Abend zu loben.) Frisch gekleidet, frisiert und rasiert erschien er wieder. Ein Mann von seinem Format liess sich auch in einem Spital nicht gehen, das gefiel mir. Fritz kam an mein Bett, sichtlich stolz über seine Fortschritte, nahm die Zeitung unter den Arm und setzte sich ans Tischchen. »Sieh an, sieh an, ohne unseren Sven Blum läuft der Laden aber ganz schön aus dem Ruder.«
»Hattest du als Polizist mit Banken zu tun?«
»Mehrere Banküberfälle in den Filialen im Unterland. Einer wurde nie aufgeklärt. Die Täter erschossen die zwei Angestellten der Raiffeisen, nahmen knapp dreitausend Franken aus dem Tresor und flüchteten über den Rhein nach Deutschland. Da verlor sich die Spur.«
»Träumst du davon? So wie die grummeligen Krimipolizisten?«
»Gelegentlich schon«, gestand er. »Eine solche Tat muss gesühnt werden, das sind wir den Opfern, den Hinterbliebenen und der Gesellschaft schuldig. Die Bankangestellte war schwanger, im fünften Monat. Der Täter hat ihr in den Bauch geschossen.«
Er vertiefte sich wieder in die Zeitung, derweil ich über das Gesagte nachdachte. Die Zimmertür wurde aufgestossen, eine junge Schwester in Ausbildung schepperte mit dem Frühstückswagen an mein Bett und stellte ein Tablett auf den Schwenktisch. Ich dankte artig, sie schob den Wagen wortlos zum lesenden Fritz, dem sie Kaffee und Frühstück hinter der Zeitung auf den Tisch platzierte. Sie wünschte einen schönen Tag, schepperte wieder zur Tür hinaus und auf der anderen Seite des Flurs ins nächste Zimmer hinein.
»Ich denke«, resümierte Fritz am Ende seines Zeitungsstudiums, »die wissen entweder alles oder überhaupt nichts. In den nächsten Tagen werden wir wissen, was in deiner Bank gespielt wird. Da bin ich mir ziemlich sicher.«
»Die Intuition des genialen Polizisten?«, fragte ich interessiert.
»Sehr schön gesagt, Sven«, antwortete er ruhig. »Wirklich sehr schön.«

Wie eine Sonne stand Annabelle vor meinem Bett. Ich wuchtete mich in den Rollstuhl, fuhr nervös durchs Haar und bedachte sie mit einem verwegenen Grinsen, das Annabelle nach aussen nüchtern zur Kenntnis nahm, innerlich jedoch (da war ich überzeugt) war sie angetan von ihrem gut aussehenden Patienten. Ich nickte ihr zu wie ein Astronaut vor der Zündung der Rakete, sie lächelte und ich schmolz vor Verlangen. Die Flamme des Lebens leuchtete wärmend auf meinen geschundenen Körper. In diesem Moment durchschaute ich glasklar die verborgenen Zusammenhänge der Welt (reine Liebe ist ihr Kern). Sie fuhr mit mir durch unendlich lange, neonbeleuchtete Flure, am Ende der Reise stand eine hünenhafte Physiotherapeutin, sie blickte streng und befahl mir auf den bereitstehenden Schragen zu liegen. »So, dann wollen wir mal«, sagte Frau Van Veen mit lustigem Akzent und rieb sich die kräftigen Hände.

Robert kam am frühen Nachmittag zu Besuch.
»Du machst Sachen!«
»Robert, schön dich zu sehen.«
Er trat näher, kniff mich in die Wange und besah mich. Er wirkte müde, mit zwei Kindern war das wohl so.
»Du machst Sachen, Sven. Wenn ich einmal nicht aufpasse …«
»Weisst du, ich wollte schon immer in die Klinik, wegen der Küche.«
Robert schüttelte den Kopf, stand auf, ging ans Fenster, kommentierte Aussicht und Wetter, redete von Tulpen und anderen belanglosen Dingen, bis ich begriff, dass Fritz ihn störte.
»Der da drüben, das ist Fritz, ihm fressen die Viren die Gelenke auf. Er ist taub, du musst schreien, damit er dich versteht«, erklärte ich, legte eine Pause ein, dann rief ich: »Fritz, hörst du mich? Das ist Robert!«
Fritz hob die Hand und schaute ratlos in meine Richtung. Er hatte verstanden.
»Ist er taub?«
»Ja. Ruhe ist Heilung, sagen die Ärzte, darum mache ich so gute Fortschritte. Du siehst müde aus, ich würde sogar sagen: kaputt.«
Robert stand unschlüssig herum, zog seine Jacke aus, hängte sie über den Stuhl, setzte sich auf den Hocker, fuhr mit den Handflächen nervös auf den Oberschenkeln hin und her, schaute zu Boden, gab sich einen Ruck und sprach: »Ich habe mich verliebt.« Er sah mir lange in die Augen. »Ich werde meine Familie verlassen müssen. Irina heisst sie. Eine wunderbare Frau, das genaue Gegenteil von Nicole.«
War das derselbe Robert, von dem Vater immer gesagt hatte, ich solle ihn zum Vorbild nehmen?
»Sie kommt aus Bosnien.«
»Weiss Nicole davon?«
Er verneinte. »Du bist der Erste, mit dem ich darüber rede.«
»Dann bin ich auch der Letzte. Robert, mach, was du nicht lassen kannst, aber zerstöre nicht die Familie. Das wirst du bereuen, das wird dein Herz zerstören … Weisst du noch, wie du als Kind Bilder deiner zukünftigen Familie gezeichnet hattest, mit dir als glücklichem Papa, an jeder Hand ein Kind? Immer hattest du eine Tochter und einen Sohn gezeichnet, nie zwei Jungen. Ich war deswegen ganz unglücklich, weil ich meinte, du hättest lieber eine Schwester gehabt als einen wilden Bruder wie mich.«
»Die Zeichnungen? Du hast nie etwas davon gesagt.«
»Wahr ist es trotzdem. Wenn ich schon so unglücklich war, wie werden deine Kinder leiden, wenn du sie verlässt? Sie werden es dir nie verzeihen, ihr ganzes langes Leben nicht. Das willst du nicht, glaub mir.«
»Du solltest Irina kennenlernen. Du würdest mich verstehen.«
Wir schwiegen. Nach einer Weile sagte er, dass meine Bank in den Schlagzeilen sei. Ich sei es gewesen, antwortete ich, ich hätte von innen die Bank ausgenommen, Insider, Robin Hood, wie er wolle.
»Blöder Sprücheklopfer, aber danke fürs Zuhören.«
»Von Sterbenden erfährt man die letzten Wahrheiten.«
Robert grinste dämlich und drückte meine Hand kräftig mit beiden Händen, bedankte sich noch einmal, ging zur Tür, drehte sich auf dem Weg um, wünschte mir gute Besserung, öffnete die Tür, versprach, mich bald wieder zu besuchen und verschwand. Fritz erwachte aus seiner Taubheit, hob den Daumen und gratulierte mir zu meiner guten Tat. Er war überzeugt, dass Robert seine Familie dank mir nicht verlassen würde. Mir schien seine Prognose eine Nuance zu optimistisch, vielleicht weil bei ihm das letzte Verliebtsein Jahrzehnte zurücklag; er unterschätzte daher wohl die Macht der Begierde (und überschätzte den Verstand meines Bruders).
»Ich mache mir Sorgen wegen den Medikamenten«, sagte Fritz plötzlich.
»Weil du Testperson bist?«
»Genau, die Gelenke werden zwar tatsächlich besser, aber wie sieht es zum Beispiel mit der Leber aus?«
»Für Fragen der Leber wenden Sie sich an Ihren Wirt.«
»Könntest du versuchen, nicht alles ins Lächerliche zu ziehen?«
»Entschuldigung, Fritz, ich denke gar nichts dabei – nochmals von vorne: Du hast Angst vor den Nebenwirkungen der Medikamente, weil sie die Organe angreifen könnten? … Hast du mit den Ärzten darüber gesprochen? Als Testpatient wirst du sicher dauernd geprüft, eine Nebenwirkung wäre bestimmt aufgefallen, ist schliesslich ein Universitätsspital.«
»Aufgefallen schon, aber vielleicht sagen sie es nicht. Weil ich nur ein alter Mann bin, bei dem die Ärzte mal schauen können, wie es sich entwickelt. Verstehst du?«
»Ja, ich verstehe deine Sorgen, aber ich glaube, sie sind unbegründet.«
»Die Ärzte sagen mir nicht, wann ich nach Hause kann. Sie sagen nur, dass wir die weitere Entwicklung im Auge behalten.«
»Die behalten dich, damit ich einen guten Kameraden im Zimmer habe.«
»Wie fröhlich du bist, seit du weisst, dass du bald nach Hause kannst! … Oder ist es Annabelle? Du gefällst ihr und sie gefällt dir, habe ich recht?«
»Gut geraten, mein Freund. Hoffentlich gefällt dir auch eine.«
»Ach, Sven. Ich mache mir keine Illusionen mehr.«
Ich schaltete den Fernseher ein. Der besorgte Moderator sprach von einer erneuten Eskalation der Gewalt in der Innenstadt (im Hintergrund liefen Bilder des umkämpften Paradeplatzes). Sieben Demonstranten seien geringfügig verletzt und ein Polizist hätte mit erheblichen Verletzungen ins Spital eingeliefert werden müssen.
»Vielleicht bringen sie den Bullen zu uns«, sagte ich, »dann kannst du mit ihm fachsimpeln.«
»Der ist von der Stadtpolizei.«
»Ist das ein Problem?«
»Nein. Ich sagte nur, dass er von der Stadtpolizei ist.«
Der Moderator leitete über zur Pressekonferenz im Konferenzraum der KBH, wo meine Mittagstischler sorgenvoll an einem ausladenden Konferenztisch sassen. In der Mitte thronte Verwaltungsratspräsident
Schürch, gerne auch auf Expeditionen im Himalaya. Rechts von ihm Ferguson, dem ich abends heimlich Fish and Chips nach Rezept seiner Mutter zubereitete. Metzeler, der letzte Dicke im Gremium, starrte abwesend ins Nichts. Lopez, Direktor Investmentbanking, wippte entspannt mit dem Fuss; der war mit sich im Reinen, egal was abging. Ganz links, neben der blonden Diethelm, sass Griez, von dem ich mehr wusste, als ihm lieb sein konnte.
»Die Essen alle bei mir in der Kantine«, sagte ich beiläufig und verfolgte aufmerksam jedes Wort der Konferenz.
»Die lügen wie gedruckt«, knurrte Fritz mit Ermittlerstimme.
»Vielleicht war es wirklich dieser Lindengrün, könnte sein, obwohl er ganz umgänglich zu sein schien.«
»Das Bauernopfer! Zuerst wird immer der Bauer geopfert«, belehrte mich Fritz und setzte gerade zu einem Schulungsvortrag an, als es an der Tür klopfte. Ein blonder Pagenschnitt linste ins Zimmer. Die nächsten Stunden verbrachte er selig plappernd mit Veronika, anscheinend ein ehemaliges Pflegekind, das er und seine Frau aufgenommen hatten. Irgendwann hielten sie sich minutenlang die Hände, Fritz versprach, sie bald zu besuchen und musste schwören, sie anzurufen, falls es hier Probleme gäbe. Sie käme sofort her und würde den Ärzten die Hölle unter dem Arsch einheizen (oder so ähnlich). Er war glücklich. Ein warmer Südwind blies durch das geöffnete Fenster, Fritz döste ohne Schlafmittel weg, ich lag wach im Bett und dachte über die Zeit nach der Entlassung nach, bis ich aus lauter Gewohnheit einnickte.

»Das war es dann, Fritz.«
»Noch vier Tage, dann bin ich auch soweit.«
»Es kommt alles gut«, sagte ich und meinte es auch so. »Gibst du Annabelle meine Nummer?«
»Versprochen ist versprochen. Wo kommen wir hin, wenn das Wort nichts mehr gilt?«, fragte er, ich nickte und bedankte mich für alles, mit einem kräftigem Händedruck verabschiedeten wir uns. Ich solle mich melden, rief er, während ich mit Sporttasche und Stöcken durch die Tür humpelte. Vor dem Spital wartete Robert. Er trug bei Bewölkung eine dunkle Sonnenbrille, die nur knapp ein Auge in satten Blautönen verdeckte.
»Darum wolltest du draussen warten, verstehe – die hätten dich gleich in den OP geschoben.«
»Halt die Fresse.«
»Immerhin, du hast die Affäre beendet. Gratuliere.«
»Das wäre die bessere Lösung gewesen.«
»Du hast nicht etwa ...?«
»Doch«, erwiderte er.
»Das war Nicole?«
Er nickte. Ein Taxi fuhr heran. Wir fuhren dieselbe Strasse hoch, die ich vor neun Tagen hinuntergedonnert war. Ich schwieg, betrachtete die Kurve, das vorbeifahrende Tram und mir wurde bewusst, wieviel Glück ich wirklich gehabt hatte. Robert unterbrach meine Gedanken: »Nicole gibt mir eine letzte Chance. Ihre Bedingung ist, dass ich in ihrer Kirche mitarbeite.«
»Wegen der Religion oder wegen der gemeinsamen Arbeit?«
»Von beidem je ein Viertel und der Rest ist knallharte Kontrolle.«
»Begeisterung klingt anders.«
»Ich will die Kinder nicht verlieren.«
Robert zahlte, half mir aus dem Auto und trug meine Tasche in den zweiten Stock. Er prüfte den Kühlschrank und schaute, ob genügend Wäsche vorhanden war. Ich versprach, mich am nächsten Tag bei ihm zu melden. Als er endlich gegangen war, sog ich den vertrauten Geruch der Altbauwohnung ein. Erst hier konnte ich mich entspannen. Ich legte eine Vinylplatte von Adele auf den Plattenteller, schmiss mich aufs Bett und merkte, wie mir Tränen über die Wangen zu laufen begannen.
Am gegen Abend humpelte ich in die Küche, kochte Kaffee und blätterte in der Post, die auf dem Tisch lag. Zigaretten lagen auf dem Tisch, im Aschenbecher stapelten sich Stummel mit himbeerroten Lippenstiftspuren (deswegen hatte Giacomo nie Zeit für einen Besuch gehabt). Plötzlich bekam ich Hunger, richtigen Hunger, als hätte ich neun Tage nichts gegessen. Ich nahm das Brett und ein scharfes Messer, zerschnitt eine Frühlingszwiebel, dasselbe tat ich mit den Tomaten, die ich im Kühlschrank fand. Das Wasser kochte bereits, die Spaghetti brauchten elf Minuten. Zuletzt schnitt ich Oliven und salzte (ich war gierig nach Salz). Alleine ass ich die herrlich heissen Spaghetti, Giacomo übernachtete anscheinend bei Himbeerlippe. Ich zündete eine Kerze an, nur für mich.

Frau Van Veen hatte mich eben aus dem Behandlungszimmer entlassen, als mich Annabelle anrief. Wir verabredeten uns in einem Gartenrestaurant, das in der Nähe meiner Wohnung lag.
Ich wartete bereits eine halbe Stunde, das Bein auf einem Stuhl hochgelagert. Vor mir ein Bier, über mir blühende Kastanienbäume und ein azurblauer Abendhimmel. Zur Goldkette trug ich ein weisses Hemd und zerrissene Jeans, die über die Kniestütze passten. Ich hatte viel Zeit vor dem Spiegel verbracht – sie sollte keinesfalls an den Patienten erinnert werden, als den sie mich kennengelernt hatte. Ich beobachtete eine junge Frau, die in den Garten kam, sich umschaute und mir zuwinkte. Erst jetzt erkannte ich meine Stationssonne. Hier, ausserhalb ihres Reiches, fehlte irgendwie die Eleganz und die Grazie, für die ich sie im Spital so bewundert hatte. Sie fragte, ob der Platz frei sei und ob sie sich setzen dürfe. Ich bejahte und verpasste meinem Gesicht ein Lächeln. Vor mir sass eine Frau mit rehbraunen Augen und flachs­blondem Haar. Was hatte ich nur in ihr gesehen? Was übersah ich jetzt? »Hallöchen«, sagte ich und hoffte, dass ihr meine Verwirrung verborgen blieb.
»Du siehst ja schon wieder kräftig und gesund aus!«
»Ich war nicht umsonst der Patient des Monats«, antwortete ich.
Wir redeten über unverbindliche Dinge, bestellten zwei friesische Biere, versuchten lustig zu sein, was uns gründlich misslang. »In einem Spital ist man in einem anderen Zustand«, gestand ich schliesslich. »Es ist, als ob ich dich zum ersten Mal sehen würde.«
»Es geht mir genauso – du warst Patient. Jetzt habe ich einen gutaussehenden, sehr selbstsicheren Mann vor mir.«
»Das normale Leben ist eben anders als im Spital.«
»Für mich ist das Spital das normale Leben«, erwiderte sie leicht gekränkt. Wir redeten weiter aneinander vorbei, bestellten zwei frische Biere, versuchten die Fremde zwischen uns zu überwinden und scheiterten erneut.
»Sven, ich sollte gehen.«
Ich erhob mich, wir küssten uns unverbindlich auf die Wangen und verabschiedeten uns. Annabelle verliess den Restau­rantgarten, während mich eine Melancholie befiel, die so gar nicht zu diesem Frühlingsabend passte. Ich nahm meine Stöcke und verzog mich nach Hause. Hatte ich tatsächlich erwartet, die einmalig grosse Liebe zu treffen? Hatte ich insgeheim gehofft, meinem Unfall einen Sinn zu geben, indem ich mich in eine Krankenschwester verliebte und mir ausmalte, sie wäre die Frau meiner sieben künftigen Kinder? Trotzdem konnte ich die nächsten Tage nicht schlafen, es war, als sei sie ganz nahe und doch so weit weg. Ich hörte im Tagtraum ihre Stimme, ich musste immer an sie denken. Nach zwei Wochen blieb mir nichts anderes übrig, als mich bei ihr zu melden. Ich musste sie sehen, um mich selber zu verstehen.

Diesmal legte ich weniger Wert auf die Frisur, dafür liess ich bei der Floristin meines Vertrauens einen Blumenstrauss binden. Wir trafen uns unten am Fluss in einem kleinen Café. Es regnete seit Tagen, die Schwäne hatten die Köpfe unter die Flügel gesteckt und warteten auf bessere Zeiten. Annabelle sass an einem runden Tisch in einer Ecke. »Guten Tag Annabelle«, ich zog den Strauss hinter dem Rücken hervor. »Ich habe dir Blumen mitgebracht.«
»Welche Überraschung«, erwiderte sie lachend und zauberte selbst einen Strauss unter dem Tisch hervor.
»Annabelle, ich habe dich vermisst«, brach es aus mir heraus.
»Jetzt bin ich ja da«, erwiderte sie mit Mona-Lisa-Lächeln und fuhr mit ihrem Zeigefinger zärtlich über mein Handgelenk. (Ich versank in ihren glänzenden Augen, tauchte auf den Grund der Weltmeere und grüsste einen Walfisch.) Annabelle lehnte über den Tisch und gab mir einen ersten Kuss; er drang von den Lippen durch das Herz bis in die Füsse, elektrisierte den ganzen geschundenen Körper bis in die Fingernägel. Der Unfall an meinem Geburtstag war kein Zufall gewesen, nein, es war Liebe gewesen, die mich zur Strassenmitte gezogen hatte, die mich marionettengleich durch die Lüfte geworfen hatte und das Tram just vor meinem Hals zum Stillstand kommen liess. Es dämmerte bereits, als wir uns aus unseren Sitzen schälten und nach draussen gingen. Wir küssten uns im strömenden Regen, völlig durchnässt schlug Annabelle vor, die Blumensträusse auf eine grosse Reise zur Nordsee zu schicken. In einem hohen Bogen warfen wir sie in den Fluss und beobachteten, wie sie davonschaukelten und allmählich unseren Blicken entschwanden.

Es war an einem heissen Julitag, als eine Karte aus Amerika im Briefkasten lag: ›Lieber Sven, danke für alles. Gruss von Fritz‹. Er hatte es geschafft.


(2014)